GELD-Magazin 28.03.2017 09:00:54

Protektionismus bedroht die Weltwirtschaft

Kolumne

Als Vorbote haben ja schon die Briten "angeklopft". Setzen sich die Befürworter von strengen Handelsschranken und hohen Schutzzöllen durch, könnte das die Weltwirtschaft endgültig gegen die Wand fahren.

In einem harten Wahlkampf fallen harte Worte. Donald Trump hatte bekanntlich vor allem gegen China sowie Mexiko verbal scharf geschossen und mit der Einführung von Zöllen gedroht. Aktuell ist es extrem schwierig abzuschätzen, welche Ankündigungen der neue Präsident tatsächlich umsetzen wird. Bis jetzt sind konkrete Maßnahmen ausgeblieben, aber das könnte sich ja noch ändern. Der mahnende Zeigefinger sollte dabei nicht nur gegenüber den USA erhoben werden, immerhin hat Großbritannien mit seinem Brexit bereits den Anti-Globalisierungskurs eingeschlagen. Auch in anderen europäischen Ländern steigt die Skepsis gegenüber freiem Welthandel, wobei Ceta nur ein Beispiel bietet.

"Große Effizienzeinbußen"

Wohin die wirtschaftspolitische Reise geht, dafür werden bereits heuer in wichtigen Wahlgängen - in Frankreich, Deutschland und den Niederlanden reiben sich populistische Globalisierungsgegner die Hände - die Weichen gestellt. Vermehrter Protektionismus würde laut der Wifo-Ökonomin Elisabeth Christen jedenfalls zu "großen Effizienzeinbußen im internationalen Handel führen. Dessen eigentlicher Sinn, nämlich Produktionsvorteile zu nutzen, würde verloren gehen oder zumindest stark eingeschränkt werden. Ein US-amerikanischer Protektionismus würde dem Land durch die Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze vielleicht nützen. Langfristig wäre diese Strategie aber schlecht für die Vereinigten Staaten, weil die Konsumgüterpreise steigen würden." Nur ein Beispiel von vielen bietet hier das I-Phone von Apple: Viele Einzelteile des Smartphones werden bisher günstig in China produziert, kämen aber Schutzzölle, müsste zu höheren Preisen importiert werden und der US-Konsument tiefer in die Tasche greifen. Den gleichen Effekt hätte eine Verlagerung der Fertigungsstätten in die USA über alle Branchen hinweg. "Auch die komplette Herstellung von Autos in den Vereinigten Staaten würde das Endprodukt erheblich teurer machen, was die US-Bürger spüren würden", gibt Christen zu bedenken.

Dramatische Folgen

Die Expertin führt weiter aus: "Würden die USA Zölle ,nur‘ gegen China und Mexiko einführen, sollte das einen leicht positiven Effekt für den europäischen und auch österreichischen Export haben. Kommen protektionistische Maßnahmen, die alle Handelspartner betreffen, wäre wohl ein umfassender Handelskrieg die Folge." Die Konsequenzen wären laut der Ökonomin dramatisch: "Der Welthandel würde einbrechen und das Wachstum spürbar zurückgehen, wohl in ähnlichem Ausmaß wie bei der Finanzkrise im Jahr 2009. Die Wirtschaftsleistung jedes Landes wäre betroffen, nicht zuletzt Österreich sehe sich mit massiven Auswirkungen konfrontiert, immerhin sind die USA unser zweitwichtigster Handelspartner." Als Beispiel für negative wirtschaftliche Auswirkungen von Handelsbeschränkungen der jüngeren Vergangenheit sieht Christen die Sanktionen gegen Russland im Zuge der Krim-Krise: "Es handelt sich letztlich um ein Wechselspiel. Nicht nur Russland selbst, sondern auch die Länder, von denen die Sanktionen ausgehen, leiden darunter. So hat Österreich versucht, die Ausfälle durch das Erschließen anderer Märkte zu kompensieren. Ganz ist das allerdings nicht gelungen." Trump wäre laut Christen jedenfalls schlecht beraten, würde er auf Protektionismus setzen: "Im Sinne der USA und der ganzen Welt."

Feindbild Globalisierung

Warum wachsen nun der Widerstand gegen Globalisierung und der Zulauf zu protektionistischen Bewegungen so auffällig? Und das, obwohl "die überwiegende Mehrzahl der Ökonomen die Meinung vertritt, dass der freie Welthandel für Wachstum und Wohlstandsgewinn förderlich ist", wie Stefan Bruckbauer, Chefvolkswirt der Bank Austria, ausführt. Auch er schließt sich dieser Sichtweise an, fügt aber hinzu: "Unter den Wirtschaftswissenschaftern gibt es keine unumstrittene Mehrheit, die den Wegfall aller Barrieren als optimal bezeichnet. Vielmehr lautet der Konsens, dass in gewissen Konstellationen und Phasen bestimmte Beschränkungen, also eine Art von Protektionismus, zielführend sind." Zum Beispiel wenn es darum geht, in aufstrebenden Schwellenländern ausgewählte Branchen zu schützen. Auch sollten keine Verstöße gegen Handelsregeln erfolgen. "Ein weiteres Beispiel sind Sektoren, die als besonders sensibel eingestuft werden, hier ist vor allem der Gesundheitsbereich zu nennen. Man setzt also die betreffenden Branchen nicht schrankenlos den freien Kräften des globalen Wettbewerbs aus und nimmt bewusst einen Effizienzverlust in Kauf, um den Konsumenten bzw. die Bevölkerung zu schützen. Dabei handelt es sich um politische Entscheidungen", so der Experte. Dabei handelt es sich sozusagen um Feinabstimmungen, ansonsten lobt auch Bruckbauer die Vorteile der Globalisierung. Warum hat sie dann aber so viele Gegner, deren Zahl offensichtlich wächst? "Zum einen, weil es sich um ein sehr komplexes Thema handelt, wobei der Zusammenhang zwischen globalem Wohlstand und globaler Arbeitsteilung schwer darstellbar ist. Tatsächlich wäre es aber extrem teuer, wenn ein Produkt in nur einem Land erzeugt werden würde. Das ist dem Konsumenten oft nicht bewusst, wobei die Politik nicht gerade viel zur Aufklärung beiträgt. Im Gegenteil. Populisten streben nach einfachen Lösungen nach dem Motto: Arbeitsplätze nur für Inländer. Solche simplen Konzepte greifen aber nicht." Hierbei handelt es sich also um Defizite auf der Informationsebene, die emotional von dem einen oder anderen Demagogen ausgeschlachtet werden.

Auf der Verliererseite

Aber die Globalisierungsskepsis hat auch einen sehr realen Boden. Bruckbauer erklärt: "Die Gewinne der Globalisierung sind schlechter verteilt als ihre Kosten. Offene Märkte führen auch zu Problemen, wobei Globalisierung nicht mit der rasanten Technologisierung gleichgesetzt werden darf. Ich schätze, dass rund 80 Prozent der Menschen, die sich als Globalisierungsverlierer sehen, in Wirklichkeit unter Automatisierung, Digitalisierung etc. leiden. Es gehen dadurch viele Jobs im niedrig qualifizierten Umfeld verloren, die aber später im Servicebereich wieder gefunden werden können. In Europa sind die Sozialsysteme viel stärker ausgebaut als in den USA, deshalb kann die Zeit bis zum Wiedereintritt in die Arbeitswelt besser überbrückt werden. Ein solcher Ausgleich ist in den USA nicht in diesem Ausmaß vorhanden." Die Aufgabe für die Politik sei es also, dort zu helfen, wo durch die Globalisierung Probleme auftreten und gleichzeitig rational zu argumentieren. "Das kann durchaus auf nationalistischer Ebene erfolgen: ,Austria first‘ heißt in Wirklichkeit offene Märkte anzustreben. Für Österreich ist es ein riesiges Glück, in der EU zu sein, denn wir verfügen über keine Großkonzerne und würden ohne EU praktisch keine Verhandlungsmacht besitzen", so Bruckbauer. Aufgrund der Zugehörigkeit zum großen europäischen Binnenmarkt würden sich die Auswirkungen eines Protektionismus made in USA für Österreich auch in Grenzen halten, das Land sei außerdem gar nicht schlecht aufgestellt: "Wir sind bei der Globalisierung weit vorne, das Sozialsystem ist stark ausgebaut und im internationalen Vergleich ist die Einkommensverteilung überdurchschnittlich gerecht. So können negative Effekte der Globalisierung abgefangen werden", meint der Bank Austria-Experte.

Kompensation verlangt

Auch von Wifo-Ökonomin Christen wollte das GELD-Magazin wissen, warum der Protektionismus-Kurs auf dem Vormarsch ist? Der Schluss ist naheliegend, dass die positiven Aspekte der Globalisierung bei vielen Bürgern (sprich Wählern) nicht ankommen. Christen dazu: "Es gibt auch Verlierer im zunehmenden Wettbewerb, das sind dann zumeist Menschen mit niedrigerer Ausbildung. Teilweise gibt es hier schon Kompensationen, wie etwa die EU-Förderungen in der Landwirtschaft. Es müsste aber erforscht werden, welche Branchen noch Hilfe benötigen und die Kompensationen wahrscheinlich ausgeweitet werden. Primär geht es um finanzielle Ausgleichszahlungen, wie zum Beispiel durch den Globalisierungsfonds." Auch Markus Marterbauer, Leiter Wirtschaftswissenschaften der AK Wien, weist auf die Globalisierungsverlierer hin: "In der Ökonomie gibt es zwei zentrale Ausgangspunkte zum freien Welthandel. Erstens: Er würde zu Spezialisierung und Wohlstandsgewinn in allen Ländern führen. Alle Marktteilnehmer würden somit unter Regulierung leiden. Zweitens: Selbstverstärkungseffekte können dazu führen, dass die Armen ärmer und die Starken stärker werden. Deshalb kann der Freihandel nur unter bestimmten Regeln Wohlstand schaffen." Sind diese Standards heute ausreichend vorhanden? Marterbauer glaubt das nicht: "Vieles zielt auf technische Regulierungen und den Abbau von Zöllen. Was aber etwa den arbeitsrechtlichen und sozialen Bereich betrifft, herrschen Defizite."

Ungerechte Welt

Deshalb hält der Experte die gegenwärtige Verteilung der Wohlstandsgewinne für problematisch: "Studien haben bewiesen, dass die Mittelschicht in China und anderen Emerging Markets von der Globalisierung profitiert hat. Das ist erfreulich. In den hoch industrialisierten Staaten haben aber nur die ,obersten‘ ein Prozent der Gesellschaft gewonnen. Die breite Mehrheit ist hingegen leer ausgegangen oder hat sogar gelitten, etwa durch Jobverlust." Marterbauer fordert daher die Forcierung sozialer und arbeitsrechtlicher Standards sowie eine aktive Beschäftigungs- und solide Bildungspolitik. Das Schließen von Steueroasen und vermögensbezogene Steuern sollten dabei zur Finanzierung auf der Agenda stehen: "Auf Basis der Hochschätzung der Daten des Household Finance and Consumption Survey der EZB verfügen alleine in Österreich die wohlhabendsten ein Prozent der Haushalte über ein Gesamtvermögen von etwa 500 Milliarden Euro. Es handelt sich hier also um keine ,Peanuts‘". Möglicherweise könnte also eine gerechtere Verteilung von Einkommen und Vermögen den Globalisierungskritikern etwas den Wind aus den Segeln nehmen. Hierbei handelt es sich aber um gewichtige politische Maßnahmen, deren Umsetzung natürlich nicht im Handumdrehen zu erwarten sind - noch dazu, weil die nötigen Umstukturierungen ja auf keinem breiten Konsens beruhen. Hier gilt es die langfristige Entwicklung zu beobachten, wie könnte es aber in absehbarer Zukunft mit der Protektionismusgefahr weitergehen?

Chancen nützen

Was die USA betrifft, so befürchtet Bruckbauer, dass Trump tatsächlich einen stärker protektionistischen Weg einschlagen wird: "Ich glaube aber nicht an einen großen Bruch, wie den Ausstieg aus der WTO oder an das Hochziehen von massiven Zöllen. Bis jetzt hat Trump scheinbar noch nicht verstanden, dass Unternehmen wie Apple ohne günstige Vorleistungen einfach nicht überlebensfähig sind. Ich bin guter Hoffnung, dass ihm das jemand erklären kann." Die Globalisierung wird also laut dem Experten nicht gestoppt werden: "Ich meine, wir werden hier in den Trump-Jahren keine wirklich großen Rückschritte sehen, aber auch keine Fortschritte." Christen plädiert wiederum dafür, die Präsidentschaft Trumps auch als Chance für Europa zu sehen: "Trump hat das transpazifische Handelsabkommen TTP ja bereits aufgekündigt, für Europa ergibt sich jetzt der richtige Zeitpunkt, die Handelsbeziehungen zum pazifischen Raum zu stärken. Das gilt natürlich auch für Österreich."

"Trump-Effekt": Auswirkungen auf Österreich

Falls Trump seine Ankündigung, Zollsätze von 35 bis 45 Prozent einzuheben, wahr macht, kann

voraussichtlich zwischen zwei Szenarien unterschieden werden: 1. Trump spricht die Zölle nur gegen Mexiko und China aus. In diesem Fall könnte die -österreichische Wirtschaft sogar leicht im Umfang von plus 0,02 bis 0,03 Prozent des realen BIP profitieren. Vor allem weil die Verringerung der chinesischen und ¬mexikanischen Exporte in die USA die österreichischen Exporte ansteigen lässt.

2. Trump verhängt die Zölle gegen alle Handelspartner - und diese reagieren (im schlimms¬ten Fall) mit denselben Zöllen gegenüber den USA. Der umfassendere Handelskrieg der USA mit allen Wirtschaftspartnern würde auch der österreichischen Wirtschaft schaden, mit Verlusten zwischen 0,25 und 0,4 Prozent des BIP (Quelle: Wifo, ifo). Bei alldem handelt es sich um Schätzungen und es wird nicht berücksichtigt, dass Trump eventuell politische Schritte setzt, die indirekt negative Auswirkungen auf die Wirtschaftstätigkeit in Öster¬reich haben kann. Dazu zählen etwa politische Turbulenzen in bzw. an den Rändern Europas.

Text: Mag. Harald Kolerus, GELD-Magazin

GELD-Magazin - Österreichs führendes Finanzmagazin


Der obige Text spiegelt die Meinung des jeweiligen Kolumnisten wider. Die finanzen.net GmbH übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schließt jegliche Regressansprüche aus.

GELD-Magazin - Österreichs führendes Finanzmagazin


Der obige Text spiegelt die Meinung des jeweiligen Kolumnisten wider. Die finanzen.net GmbH übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schließt jegliche Regressansprüche aus.

GELD-Magazin - Österreichs führendes Finanzmagazin


Der obige Text spiegelt die Meinung des jeweiligen Kolumnisten wider. Die finanzen.net GmbH übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schließt jegliche Regressansprüche aus.


Bildquelle: GELD-Magazin, GELD-Magazin
Eintrag hinzufügen
Hinweis: Sie möchten dieses Wertpapier günstig handeln? Sparen Sie sich unnötige Gebühren! Bei finanzen.net Brokerage handeln Sie Ihre Wertpapiere für nur 5 Euro Orderprovision* pro Trade? Hier informieren!
Es ist ein Fehler aufgetreten!