23.06.2017 20:36:40

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Börsen-Zeitung: Langläufer sind gefragt, Marktkommentar von Kai

Johannsen

Frankfurt (ots) - Bei Anlegern in Europa stehen die Langläufer

derzeit wieder sehr hoch im Kurs. Die Renditen der Staatsanleihen aus

Deutschland, Italien und Spanien mit zehn Jahren Laufzeit sind

momentan wieder auf den Niveaus angekommen, die zuletzt im Januar zu

beobachten waren. Von ihren zwischenzeitlichen Hochs haben sich die

Papiere klar abgesetzt. Praktisch das gleiche Bild ist bei noch

länger laufenden Anleihen der betreffenden Länder zu beobachten, also

bei den 30-Jahres-Bonds. Die Rendite der 30-jährigen Bundesanleihe

liegt derzeit nur noch knapp oberhalb der Marke von 1 Prozent.

Zeitweise wurden in diesem Jahr schon fast 1,3 Prozent gesehen.

Die Zinsstrategen der Commerzbank halten fest, dass die Argumente

für höhere nominale Renditen so langsam ausgehen, da die niedrigeren

Inflationserwartungen nun möglicherweise auf Wachstumssorgen in Form

schwächerer Einkaufsmanagerindizes treffen könnten. Einen

entsprechenden Vorgeschmack auf solche schwächeren

Einkaufsmanagerindizes bekamen die Anleger schon am Freitag: Der

deutsche Aufschwung verliert im Juni bereits an Tempo. Der

Markit-Einkaufsmanagerindex für die Privatwirtschaft, also Industrie

und Dienstleister zusammen, fiel im laufenden Monat um 1,3 auf nun

56,1 Punkte. Ökonomen hatten nur ein leichtes Minus auf 57,3 Zähler

erwartet. Allerdings liegt das Barometer immer noch über der Marke

von 50 Punkten, ab der es Wachstum für die Wirtschaft signalisiert.

Sollten in den kommenden Wochen nun weitere Einkaufsmanagerindizes

anderer Länder ebenfalls Rückgänge anzeigen, werden die

Wachstumssorgen der Anleger definitiv verstärkt.

Die Sorgen der Anleger, dass die Inflation nicht anspringt, kommen

derzeit in erster Linie wieder einmal über den zur Schwäche neigenden

Ölpreis. Er liegt momentan deutlich unter der Marke von 50 Dollar pro

Barrel und ist damit binnen weniger Wochen um rund 10 Dollar

gefallen. Die Anleger befürchten, dass über die rückläufigen

Energiekosten die Inflationsrate weiter zurückgehen wird - und damit

rückt denn auch der Zielwert, den die Europäische Zentralbank (EZB)

verfolgt, weiter in die Ferne. Die europäischen Währungshüter streben

für die Eurozone eine Teuerung in der Nähe von 2 Prozent an. Dafür

kaufen sie an den Rentenmärkten der Eurozone kräftig ein - Monat für

Monat geben sie hier 60 Mrd. Euro aus für die Käufe von

Staatsanleihen, Covered Bonds wie Pfandbriefe sowie Titel von

halbstaatlichen Emittenten und Unternehmen. Aber die Inflationsrate

haben sie noch nicht auf das gewünschte Niveau gehievt.

Die an den Märkten gehandelten Inflationserwartungen weisen

ebenfalls darauf hin, dass man sich hier eher auf fallende

Teuerungsraten einstellt. Und so könnte es denn durchaus sein, dass

die EZB eher später als früher an einen Ausstieg aus der

unkonventionellen Geldpolitik - dem Quantitative Easing - denken

wird. Das allmähliche Zurückfahren der Anleihekäufe - auch Tapering

genannt - könnte demzufolge noch eine ganze Zeit lang auf sich warten

lassen. An Leitzinssteigerungen ist in einem von rückläufiger

Inflation gekennzeichneten Marktumfeld verständlicherweise nicht zu

denken.

Und somit setzen die Anleger wieder auf die längeren Laufzeiten,

um sich diese Renditesätze noch zu sichern: bei 30 Jahren

Bundeslaufzeit gerade noch 1 Prozent. Sie gehen davon aus, dass die

EZB wieder stärker bei ihren Anleihekäufen zugreifen wird, vermutlich

in der Eurozonenperipherie. Das würde die Renditen dann noch weiter

nach unten befördern.

Bei den Emittenten bleibt es natürlich nicht unbemerkt, dass die

Anleger verstärkt auf lange Laufzeiten setzen. Entsprechend sieht

dann das Angebot aus. So hat in der gerade abgelaufenen Handelswoche

Argentinien das sehr lange Fälligkeitensegment bedient. Der Staat,

der in der Vergangenheit immer mal mit einer Pleite von sich reden

machte, emittierte eine hundertjährige Anleihe, allerdings nicht im

Euro, sondern in Dollar. 2,75 Mrd. Dollar wurde der Titel am Ende

schwer, den Anlegern bringt das Papier eine Rendite von knapp unter 8

Prozent, sofern der argentinische Staat zum Zahlungstermin die Zinsen

denn auch bezahlt, d.h. in der Lage ist, das Geld zu überweisen. Das

sollte man erst mal abwarten, und zwar hundert Jahre lang. Und das

Nominal ist dann ja schließlich auch noch zu berappen.

Auch die britische Bausparkasse Nationwide nutzte den Trend zu

Langläufern. Sie brachte im Euro den bislang längsten gedeckten Bond.

15 Jahre stehen drauf. In nächster Zeit sollte man sich also darauf

einstellen, dass in puncto Laufzeit weitere Meilensteine aufgestellt

werden.

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